Meischner's World

Schwerhörigkeit in einer fokusorientierten Gesellschaft

Die Probleme von Schwerhörigen werden generell herb unterschätzt!
Und: sie ist in der Regel selbst mit modernster Technologie nicht voll ausgleichbar (siehe unten)!

Schwerhörigkeit ist unsichtbar. Und doch ist sie die mit Abstand verbreitetste Behinderung. Laut Statistik sind ab einem Alter von Fünfzig 25% davon betroffen.

Für den leichteren Einstieg zum Verständnis hilft vielleicht ein einfaches Bild vorab:
eine Kugel mit Mensch als Mittelpunkt. Jeder Mensch erfährt sich als Mittelpunkt seiner Umwelt (= Kugel), die er vor allem über Augen und Ohren wahrnimmt.

Die Augen – „Ausschließungs- bzw. Fokusorgane“

Das Gesichtsfeld eines Menschen bildet dessen bewußte optische Wahrnehmung ab und ist vergleichbar mit dem stahlenden Lichtkegel einer Taschenlampe.

Dies umfaßt etwa knapp 30% seiner Außenwelt (vgl. z.B. die Grafik unter Augenärzte informieren: Bildschirm-Arbeitsplatz – eine besondere Belastung für die Augen?).
30% von 3600C der imaginären Kugel – von der jeden umgebenden physischen Welt ist das lediglich ein Zwölftel! Das scharfe Sehen deckt gar nur einen winzigen Bereich von etwa 6% ab.

Dazu kommt: desto mehr Konzentration (Fokusierung) auf einen sichtbaren Gegenstand oder auch auf eine innere Sichtweise oder Gefühl, in einem umso kleineren Fenster wird dessen Umgebung wahrgenommen.
Anders ausgedrückt: je mehr man gewohnten Grundannahmen anhängt, desto weniger ist man offen für andere Möglichkeiten und Standpunkte. Das gilt natürlich auch für die damit verbundenen Gefühle.

Und nun zu einem kleinen Selbstversuch

Wieviel ist 53 x 21 ? Schaffst Du es während des Rechnens, Dir gleichzeitig einen schönen Biergarten vorzustellen?
Wie Du merkst, funktioniert das Denken nach dem gleichen „Ausschluß“-Prinzip 🙂

Generell gilt:

Je mehr To-Do‘s im Kopf und je höher der zeitliche oder emotionale Druck, desto enger das optische Blickfeld (Lichtkegel), bzw. desto schmaler eine Gedankenspur.

Die Ohren – sogenannte „Einschlußorgane“

[ Grafik folgt noch ]

Hier wird‘s schwieriger, weil das Funktionsprinzip des Hörens den Vorstellungen einer weitestgehend kopflastigen und damit fokusorientierten Gesellschaft völlig entgegengesetzt ist.
Bezeichnenderweise gibt es hierfür weder eine Grafik, noch nicht einmal eine Benennung! Den Begriff „akustisches Wahrnehmungsfeld“ habe ich eingeführt.

Als Einstiegsbild kann auch hier eine Kugel mit dem Menschen als Mittelpunkt verwendet werden – ergänzt durch einen festen Grund, auf dem er steht.

Das akustische Wahrnehmungsfeld leitet sich aus dem ab, wodurch Schallwellen übertragen werden, nämlich durch sämtliche Stoffe außerhalb eines Vakuums. Sprich:

Jeder von uns ist zu 100% umgeben von Schall den er gleichzeitig hören kann (“Einschluß“-Prinzip). Außerdem sind wir von Schall durchdrungen, denk nur an das Knurren eines Magens.

Aus all diesen Eindrücken können wir dennoch Einzelheiten in räumlicher Zuordnung und Relevanz unterscheiden und ggf. impulsartig reagieren. Und dies meist alles so locker flockig nebenbei, das es in weiten Teilen unbewußt abläuft.

Allerdings ist ein intaktes, beidseitig ausgeglichenes Hörvermögen unbedingte Vorraussetzung dafür!

Schwerhörige können Schalleindrücke nicht „automatisch“ zuordnen

Im Gegensatz zu normal Hörenden können Schwerhörige akustische Informationen nicht „automatisch“ auswerten.

Ein Gehirn ist normalerweise so angelegt, das für ein bewußtes Inbeziehungtreten im Außen (reflektives Hinspüren, Kurzzeitgedächtnis, Kommunikation u.v.a.m.) genug freie neurologische Andockstellen vorhanden sind.

Doch sobald ein Gehör vorhanden, jedoch in irgendeiner Weise unausgeglichen ist, muß der bewußte Verstand einspringen. Dieser kann jedoch nur im „Ausschluß“-Modus (siehe oben) arbeiten.

Das bedeutet für schwerhörende Menschen ein permanentes Sich-entscheiden-Müssen mittels bewußter Aufmerksamkeitsfokusierung. Dies führt in der Folge fast zwangsläufig zu vielen Fehlinterpretationen. Laute klingen oft sehr ähnlich und das Mundbild des Sprechenden kann trotz unterschiedlicher Inhalte völlig identisch sein (dazu ein andermal vielleicht mehr).

Man kann wegschauen, aber nicht weghören

Da Ohren nicht verschlossen werden können (auch nicht gegenüber bereits aussortierten Eindrücken), werden die für  gedankliche Prozesse zuständigen Synapsen massiv in Beschlag genommen und sind dann sehr schnell schlicht überfordert.

Ob es sich um ein Arbeitsgespräch handelt oder einem lockeren freizeitlichen Smalltalk, macht für einen Schwerhörigen keinerlei Unterschied! Genauso während meditativer und spiritueller Zusammenkünfte, wie Yoga, Fedenkrais oder Energiearbeit.
Hierbei wird regelmäßig derart leise und nuschelig in den eigenen Bauch gehaucht, das Geräusche wie Husten, Räuspern, Verkehrslärm von außen usw., vieles überdecken. Und dies zumeist noch in hallenden Räumen! Statt in einer entspannten inneren Kontemplation, findet sich ein schlecht hörender Mensch dann meist bei angestrengter Verstandensarbeit wieder.

In all diesen Fällen verbleibt einem Schwerhörigen im Wesentlichen nur die Option des wiederholten Trial-And-Error-Erratens, um sämtliche, eigentlich im Hintergrund ablaufenden Filter- und Abgleichprozesse nur sehr lückenhaft zu übernehmen (vgl. Leistungen des auditiven Systems, ein PDF der Universität Oldenburg).
Unter diesen Bedingungen sind die restlichen, noch verbliebenen Kraftreserven natürlich innerhalb kürzester Zeit leicht vollends ausgeschöpft.

Die Synapsen eines Gehörlosen können, gerade während einer sozialen Interaktion, weitestgehend visuell genutzt werden, um z.B. Mimik, Gestik und natürlich die Gebärdensprache auszuwerten.

Hörgeräte können eine Schwerhörigkeit nicht kompensieren!

Sie sind zwar sehr hilfreich und in den meisten Fällen unabdingbar für eine Grundversorgung. Doch Hörgeräte sind im allgemeinen nicht in der Lage, eine Schwerhörigkeit so auszugleichen, das man ohne weitere Hilfe klarkommt – vor allem in sozialen Interaktionen!

Trotz aller Hochglanzvermarktung nach wie vor in der Regel unmöglich! Die Teilnehmer einer REHA für Schwerhörige können dies nur bestätigen, siehe Schwerhörigkeit, Menière inkl. Reha-Berichte, Schwerhörigkeit verstehen (ein wenig runterscollen, dann kommen Erfahrungsbeiträge, die ich weitestgehend aus eigener Erfahrung bestätigen kann).

Die Schallübertragung per Knochenleitung ist hier ein gutes Beispiel. Da der Schall generell durch Feststoffe wesentlich schneller übertragen wird, als durch die Luft, ist bei diesem Übertragungsweg das Richtungshören sehr schwach.
Ein vergleichbarer Effekt kann beobachtet werden, wenn man z.B. an einem eingleisigen Bahnhof steht, wo der Zug immer nur aus einer Richtung kommt. Da ist ein anfahrender Zug sehr viel früher zu hören, als zu sehen – ohne das man gleich die Richtung eindeutig zuordnen kann.

Die Kompensation eines Punktes oder schmalen Sehbereiches durch „Scharfstellen“ mittels einer Brille ist naturgemäß deutlich leichter zu realisieren, als der Ausgleich akustischer Defizite – noch dazu in Wechselwirkung mit systemambivalenten, kognitiven Prozessen sowie emotionellen „Ablenkungen“ (siehe oben)!

Eine gute Freundin schrieb mir vor zwei Tagen zum weitgehend fertigen Entwurf dieses Textabschnittes als Kommentar dazu:

„Akustiker denken wie Optiker: ‚Optimierung der gewünschten Frequenzen und Unterdrückung von Nebengeräuschen'“

Da ist durchaus was dran Schwerhörigkeit in einer fokusorientierten Gesellschaft.

Im ausschließenden, also fokusorientierten Prinzip (= Denken) ein Defizit aus der Ebene des „Einschluß“-Prinzips (= Hören) zu lösen, funktioniert genauso wenig, wie wenn man versucht, einen dreidimensionalen Ball in der Zweidimensionalität abzubilden; die Eigenschaften einer Kugel können auf der 2D-Ebene nicht wirklich erfasst werden.

Ich freue mich über Rückmeldungen von Euch!

Herzlich, Gabriele