Wer mich näher kennenlernen möchte

Meine Antwort von 2016 auf die Frage, was mir im Alter von 6 Jahren geholfen hat, bzw. geholfen hätte:

Das, was mir als kleiner Mensch damals am meisten Kraft und Lebensmut geschenkt hat, war die Warmherzigkeit und Liebe, die ich (genauso wie meine kleinere, nichtbehinderte Schwester) immer wieder sowohl von Paps, als auch Omi (väterlicherseits) gespürt und erfahren habe.
Paps hat mit mir genauso rumgealbert, geschimpft, gespielt und mich herzlich in den Arm genommen, wie mit meiner Schwester. Meine Behinderung und die Folgen, die sich rehabilitationstechnisch und vor allem gesellschaftlich im Alltag daraus ergaben, sind nur ein Bestandteil von mir. Paps war in der Lage, mich mit allen meinen Aspekten in sein Leben zu integrieren.

Meine Mutter hatte eine schier unglaubliche Stärke, was Durchhaltevermögen, Beständigkeit und den Kampf mit Ärzten und Behörden betraf. Im Krankenhaus besuchte sich mich wirklich jeden Tag, brachte mir selbstgemachte Speisen, tröstete mich und stand bei Untersuchungen und Anästhesieeinleitungen, vor denen ich panische Angst hatte, vermittelnd und schützend an meiner Seite.

Jedoch vermochte sie weder für mich, noch für meine Schwester Warmherzigkeit zu empfinden – obwohl wir beide Wunschkinder waren.
Dazu kam meine sichtbare Andersartigkeit, mit der wir durch die verunsicherten bis abweisenden Reaktionen der Menschen um uns tagtäglich konfrontiert waren. Mein Vater ließ sich davon überhaupt nicht beeindrucken!

Mir wurde bereits mit etwa 4 Jahren intuitiv schmerzlich klar, daß das keine Frage von guter oder böser Absicht ist, sondern mit welchen Erfahrungen und Lebensumständen auch meine Eltern als Kinder konfrontiert waren. Und das diese Erfahrungen Nahrung und Grundausrichtung für deren künftige persönliche Lebensstrategie sind.

Diese Erkenntnis auch auf die restlichen Menschen zu übertragen, war dann dank Paps einfühlsamer Gespräche mit uns Kindern für mich nur ein kleiner Schritt. Und so entwickelte ich eine innere Haltung, Dinge zu versuchen und auszuprobieren. Und meinen Weg zu gehen – auch wenn Fach-„Experten“ und Bekannte mir vieles von vornherein absprachen, nicht erkannten, geschweige denn anerkannten.

Ich sah, das es sich auf manch ungewöhnlichen, mitunter sehr spannenden Wegen gut entwickelte. Vieles brauchte einfach nur Geduld und Zeit. Und Durchhaltevermögen (wie ich finde, sehr schön ausgedrückt im Gedicht von Dorothee Sölle, bald unter „Spirituelles“ zu finden).
Oder es mußte halt auf später verschoben werden, da andere Dinge sich vordrängelten.

Ich bemerkte bei diesem gesamten Entwicklungsgeschehen schon sehr bald eine Qualität der unglaublichen Kraft und Stärke.
Nicht nur die Stärke, die sehr früh in mir erwachte, sondern auch etwas Unsichtbares. Etwas, das den gesamten Lebensstrom (nicht nur meinen) zu begleiten schien und ihm gleichzeitig innewohnte, so, als ob alle Ereignisse, die sich anbahnten und auf die Lebensmembranen der Kreaturen eintrommelten, Teile SEINES SELBST waren.

Und immer dann, so schien es mir, wenn extreme Glücksmomente, als auch heftige Ängste oder Schmerzen körperlicher und vor allem seelischer Art das wertvolle Licht fortzublasen drohten – immer dann erhob dieses geheimnisvolle Etwas ganz fein und subtil seine Stimme, damit sich der Lebensfaden unversehrt und heile weiter entspinnen konnte.

Mal geschah das durch feine Veränderungen der aktuellen Situation, mal durch Gedanken, die auftauchten. Manchmal (ganz selten) konnte ich im Raum eine besonders fein schwingende, sich warm öffnende, schützende Energie wahrnehmen.

Worte brauchen immer einen Träger, etwas das man „be-schreiben“ kann – Papier, oder im übertragenen Sinne auch die Stimme.
Beim Versuch, einen Baum oder Vogel zu beschreiben, reduziert sich die Darstellungs- bzw. Wiedergabemöglichkeit auf die zumeist sichtbare Form. Alles andere, wie Klang, Duft, Lebendigkeit und sonstige Schwingungseigenschaften, bleibt verborgen.

Einige Menschen würden das, was ich oben zu beschreiben versuche, als Schutzengel, vielleicht auch als Gott bezeichnen. Doch Worte scheinen mir zu eng gefaßt, zu einengend zu sein und von ihrer Natur her ungeeignet, um das fassen zu können…

Solange ich in meinem täglichen Umfeld Menschen vorfinden konnte, die mich wirklich und ausreichend gut kannten, bzw. sich durch Behinderungen nicht zu sehr verstören ließen, gab es immer genügend Spielraum für ein tatsächliches Voranschreiten.
Dennoch begriff ich in der Grundschule bereits, etwa mit acht, neun Jahren, das ich und meine behinderten Schulkameraden uns auf einer Art „Entwicklungsinsel“ befanden, deren Grenze spätestens mit Erreichen eines Schul- und Ausbildungsabschlußes erreicht sein würde. Die Hinweise und Indizien dafür waren schon damals deutlich – wenn man nur den Mut findet, hinzuschauen!“

Abschließend ein Gedicht

Kraftvoll und zart

impulse . schwingungen . wellen
turbulenzen steigen auf
ambivalenzen

was will da kommen?
es gärt . wird fester . mäandert empor

mitte des raumes
worte
den augenblick be- greifend
bilden eine brücke
zur lichten peripherie

staunen . unsicherheit . veränderung
öffnet bebende zellen

halten einer vergessenen, uralten spur
berührung
immer wieder
sich vertraut machen
herantasten . zögern . horchen

es keimt ins  j e t z t
warm und fest

in erwachenden akkorden
pulsiert sprachlosigkeit zur form
kraftvoll und zart

 

Gabriele Meischner
03 / 2011